{"id":689,"date":"2012-10-16T22:53:10","date_gmt":"2012-10-16T20:53:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hbg-koeln.de\/?page_id=689"},"modified":"2026-05-07T12:28:18","modified_gmt":"2026-05-07T11:28:18","slug":"heinrich-boll","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hbg-koeln.de\/?page_id=689","title":{"rendered":"Heinrich B\u00f6ll"},"content":{"rendered":"<h1>20 Jahre Heinrich-B\u00f6ll-Gesamtschule K\u00f6ln-Chorweiler&nbsp;Festrede zur Feier aus Anlass der Namensgebung<\/h1>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"ngg-singlepic ngg-center aligncenter\" src=\"http:\/\/hbg-koeln.de\/wp-content\/gallery\/allgemeine-bilder\/plastik_01.jpg\" alt=\"plastik_01\"><\/p>\n<p>Im Rahmen der Feier hielt Wilfried Borth die Festrede, die bei allen Anwesenden sehr positiv aufgenommen wurde und mit gro\u00dfem Applaus bedacht wurde. Wilfried Borth hat 1975 die Gesamtschule Chorweiler als Schulleiter gegr\u00fcndet und hat auch ma\u00dfgeblich zur Namensgebung im Jahre 1986 beigetragen. Seine Festrede soll hier in Ausz\u00fcgen wiedergegeben werden.<\/p>\n<p>Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler.<\/p>\n<p>Am 13. M\u00e4rz 1986 feierten wir hier im P\u00e4dagogischen Zentrum die Namensgebung unserer Schule in Anwesenheit der S\u00f6hne Heinrich B\u00f6lls, seines Bruders, seines Neffen und ihren Familien, mit Lew Kopelew als Festredner und Wolfgang Niedecken als Lieders\u00e4nger.<\/p>\n<p>Ich sagte damals am Schluss meiner Begr\u00fc\u00dfungsrede: \u201eWir m\u00fcssen uns h\u00fcten, Heinrich B\u00f6ll in Besitz zu nehmen, uns mit ihm zu schm\u00fccken.\u201c Ich meine, die Schule hat diese Warnung ernst genommen. Ich sp\u00fcre, dass dieser Name nicht schm\u00fcckendes Beiwort ist, dass die Schule vielmehr stolz ist, diesen Namen tragen zu d\u00fcrfen, dass sie mit diesem Namen lebt.<\/p>\n<p>Schon wenn man die Schule betritt, trifft der Blick auf das gro\u00dfe Photo im Eingangsbereich, in der Bibliothek fallen die gro\u00dfen Schau- und Lesetafeln ins Auge, auf denen der Lebensweg des Dichters dargestellt wird, in den Regalen stehen seine Werke. Dass Heinrich B\u00f6ll lebendig in dieser Schule ist, wird f\u00fcr mich auch sp\u00fcrbar, wenn mich Sch\u00fclerinnen oder Sch\u00fcler anschreiben, die an einem Referat oder einer Hausarbeit \u00fcber Heinrich B\u00f6ll sitzen, und mich um Unterlagen \u00fcber den Schriftsteller und die Namengebung bitten. Dann wei\u00df ich, in dieser Klasse geht es im Unterricht um Heinrich B\u00f6ll.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Ich bin auf Heinrich B\u00f6ll gesto\u00dfen, als ich wenige Jahre nach Kriegsende als angehender Deutschlehrer nach Kurzgeschichten f\u00fcr meine Examenslehrprobe suchte. Da fiel mir ein schmales B\u00e4ndchen in die H\u00e4nde, betitelt &#8222;Wanderer kommst du nach Spa&#8230;\u201c, eine Sammlung von kleinen Geschichten. Die Mehrzahl dieser Texte handelt vom Grauen des Krieges, von vaterlosen Kindern, vereinsamten Frauen, Heimkehrern und Fl\u00fcchtlingen, vom Leben in den Tr\u00fcmmern der zerbombten St\u00e4dte und von der Not und der Hilflosigkeit der kleinen Leute im trostlosen Nachkriegsalltag.<\/p>\n<p>Die Titelgeschichte der eben genannten Sammlung &#8222;Wanderer kommst du nach Spa&#8230;\u201c ist ein Beispiel f\u00fcr diese Form der Nachkriegsdichtung, deren Hintergrund immer wieder das Grauen des Krieges ist.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Heinrich B\u00f6ll, der selbst den Krieg als Soldat von Anfang bis Ende erlebt hatte, schrieb von dem, was er im Krieg gesehen und erlebt und was er nach der Heimkehr vorgefunden hatte. \u201eEs war Krieg gewesen\u201c, schreibt er, \u201esechs Jahre lang, wir kehrten heim aus diesem Krieg, wir fanden Tr\u00fcmmer und schrieben dar\u00fcber&#8230; wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es.\u201c<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr ihn eine Frage der Moral, die Grauen des Krieges und die harten Jahre der Nachkriegszeit m\u00f6glichst realit\u00e4tsnah zu beschreiben.<\/p>\n<p>Mir, der ich selbst als 19-j\u00e4hriger Soldat den Krieg als Infanterist in Russland unmittelbar erlebt habe, ist das alles noch sehr nahe, und wenn ich B\u00f6lls fr\u00fche Kurzgeschichten und Erz\u00e4hlungen lese, tauchen Bilder in der eigenen Erinnerung auf.<\/p>\n<p>Aber wie ist es mit unseren Kindern, unseren heutigen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern, die Jahrzehnte nach dem Krieg geboren sind? Ist ihnen das nicht alles sehr fern? Ist Hitlers Krieg f\u00fcr die heutige Generation nicht l\u00e4ngst in grauer Vorzeit gelegen, unerlebt jedenfalls, kaum noch auszumachen hinter dem, was heute das Leben bestimmt: Fernsehen, Computer, Internet? Wem von unseren jungen Leuten sagt das ber\u00fchmte Foto noch etwas, das die Blockierer des Raketendepots in Mutlangen 1983 zeigt, mitten unter ihnen Heinrich B\u00f6ll? Die bundesdeutsche Geschichte und ihre Stichworte vom Wirtschaftswunder bis zur APO kennen sie bestenfalls aus den legendenbildenden Erz\u00e4hlungen der Eltern.<\/p>\n<p>Was also sagt Heinrich B\u00f6ll noch denjenigen, die den Krieg, die unmittelbare Nachkriegszeit gar nicht erlebt haben?<\/p>\n<p>Nun, zun\u00e4chst einmal sollten wir festhalten: Die immer neue Beschreibung des Krieges bleibt n\u00f6tig, damit er lehrreich bleibt und nicht wiederholbar oder gar \u00fcbertreffbar von einem nachfolgenden Krieg. Heinrich B\u00f6ll hat in seinen \u201eBriefen aus dem Krieg\u201c, die vor wenigen Jahren in 2 B\u00e4nden erschienen sind, fassbar gemacht, was Krieg bedeutet. Ich zitiere: das \u201eAbenteuer, das unsere Gesichter alt macht, unsere Herzen m\u00fcde macht, unsere Haare schwinden l\u00e4sst und uns zu ewig schmutzigen Gestalten macht, die kein normales Leben mehr kennen\u201c, \u201eder M\u00f6rder aller Dinge\u201c, \u201cein endloser Wahnsinn\u201c, \u201edas verk\u00f6rperte Grauen\u201c. [&#8230;] \u201eDer Krieg, jeder Krieg ist ein Verbrechen.\u201c<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll war 24 Jahre alt, als er das niederschrieb. Einige Kritiker halten diese Briefe aus dem Krieg 1939 \u2013 1945, &#8211; nahezu 900 Briefe, zumeist gerichtet an seine Frau &#8211; f\u00fcr das bedeutendste Werk des Schriftstellers.<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll entheroisiert das Kriegserlebnis und die unmittelbare Nachkriegszeit.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Eine ganze Generation hat von Heinrich B\u00f6ll, dem wahrhaften Demokraten und Europ\u00e4er, die Opposition und den Pazifismus gelernt. Was h\u00e4tte er uns heute nicht alles zu sagen als Mahner gegen die Kriege von Tschetschenien bis zum Irak.<\/p>\n<p>Ein zweites Thema scheint mir im Blick auf den Namen der Schule wichtig zu sein:<\/p>\n<p>In seinen Romanen, Erz\u00e4hlungen und kritischen Beitr\u00e4gen entwirft Heinrich B\u00f6ll das Bild einer Gesellschaft, die auf Gewalt verzichtet und in der alle Gruppen gleichberechtigt und friedlich zusammenleben.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Ich zitiere seine Worte: \u201eDer Satz aus dem Grundgesetz, sozusagen der Grundsatz unserer Republik, lautet nicht: Die W\u00fcrde des deutschen Menschen oder die W\u00fcrde des untadeligen Menschen ist unantastbar, sondern \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist un-antastbar. Sollte ich, von der W\u00fcrde des Menschen sprechend, noch hinzuf\u00fcgen m\u00fcssen, dass nat\u00fcrlich auch Frauen Menschen sind? Und noch etwas: auch Kinder sind Menschen, deutsche Kinder, T\u00fcrkenkinder, Asylantenkinder \u2013 auch sie alle haben ihre W\u00fcrde, die unantastbar ist.\u201c<\/p>\n<p>Und ebenso sagt Heinrich B\u00f6ll zu Artikel 3: \u201eDort steht nicht: Alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich\u201c, sondern \u201eAlle Menschen sind vor dem Gesetz gleich\u201c.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Wie gegenw\u00e4rtig, wie aktuell sind diese Worte, wenn wir an Meldungen in den letzten Wochen und Tagen denken, als von Bedrohung, Verletzung und T\u00f6tung aus Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass aus rechtsextremistischer Gesinnung berichtet wurde, von rassistischen \u00dcbergriffen, Verfolgung von Andersfarbigen.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Diese Vorstellung einer gewaltfreien, demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Gesellschaft hat Heinrich B\u00f6ll zum Leitbild seines eigenen Handelns gemacht.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Bei vielen Gelegenheiten hat er seine Prominenz im Sinne dieser Ziele bewusst eingesetzt und daf\u00fcr auch Missachtung, Verleumdung und Denunziation in Kauf genommen.<\/p>\n<p>Heinrich B\u00f6ll taugt zum Vorbild, er nimmt als Namengeber dieser Gesamtschule uns in die Pflicht.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>Auch als Erz\u00e4hler ist Heinrich B\u00f6ll Moralist, Gesellschaftskritiker. [&#8230;] In seinen literarischen Werken geht es ihm darum, die meist verborgene soziale Wirklichkeit bewusst und anschaulich zu machen. Sein Erz\u00e4hlen kreist um Menschen, die sich ausgeliefert f\u00fchlen, um die Wehrlosen, die Hilflosen, die Lebensunt\u00fcchtigen, die den an sie gestellten Anforderungen nicht entsprechen, die sogenannten kleinen Leute und ihr Ausgeliefertsein an Missst\u00e4nde und Entbehrungen. Seine Sympathie geh\u00f6rt nicht den Rebellen, sondern den Au\u00dfenseitern, den Unterlegenen, die nur durch ihr Anderssein und ihr Nicht-Mitmachen, durch ihre individuelle Verweigerung protestieren.<\/p>\n[&#8230;]\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20 Jahre Heinrich-B\u00f6ll-Gesamtschule K\u00f6ln-Chorweiler&nbsp;Festrede zur Feier aus Anlass der Namensgebung Im Rahmen der Feier hielt Wilfried Borth die Festrede, die bei allen Anwesenden sehr positiv aufgenommen wurde und mit gro\u00dfem Applaus bedacht wurde. 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