Heinrich Böll

20 Jahre Heinrich-Böll-Gesamtschule Köln-Chorweiler Festrede zur Feier aus Anlass der Namensgebung

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Im Rahmen der Feier hielt Wilfried Borth die Festrede, die bei allen Anwesenden sehr positiv aufgenommen wurde und mit großem Applaus bedacht wurde. Wilfried Borth hat 1975 die Gesamtschule Chorweiler als Schulleiter gegründet und hat auch maßgeblich zur Namensgebung im Jahre 1986 beigetragen. Seine Festrede soll hier in Auszügen wiedergegeben werden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schülerinnen und Schüler.

Am 13. März 1986 feierten wir hier im Pädagogischen Zentrum die Namensgebung unserer Schule in Anwesenheit der Söhne Heinrich Bölls, seines Bruders, seines Neffen und ihren Familien, mit Lew Kopelew als Festredner und Wolfgang Niedecken als Liedersänger.

Ich sagte damals am Schluss meiner Begrüßungsrede: „Wir müssen uns hüten, Heinrich Böll in Besitz zu nehmen, uns mit ihm zu schmücken.“ Ich meine, die Schule hat diese Warnung ernst genommen. Ich spüre, dass dieser Name nicht schmückendes Beiwort ist, dass die Schule vielmehr stolz ist, diesen Namen tragen zu dürfen, dass sie mit diesem Namen lebt.

Schon wenn man die Schule betritt, trifft der Blick auf das große Photo im Eingangsbereich, in der Bibliothek fallen die großen Schau- und Lesetafeln ins Auge, auf denen der Lebensweg des Dichters dargestellt wird, in den Regalen stehen seine Werke. Dass Heinrich Böll lebendig in dieser Schule ist, wird für mich auch spürbar, wenn mich Schülerinnen oder Schüler anschreiben, die an einem Referat oder einer Hausarbeit über Heinrich Böll sitzen, und mich um Unterlagen über den Schriftsteller und die Namengebung bitten. Dann weiß ich, in dieser Klasse geht es im Unterricht um Heinrich Böll.

[…]

Ich bin auf Heinrich Böll gestoßen, als ich wenige Jahre nach Kriegsende als angehender Deutschlehrer nach Kurzgeschichten für meine Examenslehrprobe suchte. Da fiel mir ein schmales Bändchen in die Hände, betitelt „Wanderer kommst du nach Spa…“, eine Sammlung von kleinen Geschichten. Die Mehrzahl dieser Texte handelt vom Grauen des Krieges, von vaterlosen Kindern, vereinsamten Frauen, Heimkehrern und Flüchtlingen, vom Leben in den Trümmern der zerbombten Städte und von der Not und der Hilflosigkeit der kleinen Leute im trostlosen Nachkriegsalltag.

Die Titelgeschichte der eben genannten Sammlung „Wanderer kommst du nach Spa…“ ist ein Beispiel für diese Form der Nachkriegsdichtung, deren Hintergrund immer wieder das Grauen des Krieges ist.

[…]

Heinrich Böll, der selbst den Krieg als Soldat von Anfang bis Ende erlebt hatte, schrieb von dem, was er im Krieg gesehen und erlebt und was er nach der Heimkehr vorgefunden hatte. „Es war Krieg gewesen“, schreibt er, „sechs Jahre lang, wir kehrten heim aus diesem Krieg, wir fanden Trümmer und schrieben darüber… wir hatten keine Binde vor den Augen und sahen es.“

Es war für ihn eine Frage der Moral, die Grauen des Krieges und die harten Jahre der Nachkriegszeit möglichst realitätsnah zu beschreiben.

Mir, der ich selbst als 19-jähriger Soldat den Krieg als Infanterist in Russland unmittelbar erlebt habe, ist das alles noch sehr nahe, und wenn ich Bölls frühe Kurzgeschichten und Erzählungen lese, tauchen Bilder in der eigenen Erinnerung auf.

Aber wie ist es mit unseren Kindern, unseren heutigen Schülerinnen und Schülern, die Jahrzehnte nach dem Krieg geboren sind? Ist ihnen das nicht alles sehr fern? Ist Hitlers Krieg für die heutige Generation nicht längst in grauer Vorzeit gelegen, unerlebt jedenfalls, kaum noch auszumachen hinter dem, was heute das Leben bestimmt: Fernsehen, Computer, Internet? Wem von unseren jungen Leuten sagt das berühmte Foto noch etwas, das die Blockierer des Raketendepots in Mutlangen 1983 zeigt, mitten unter ihnen Heinrich Böll? Die bundesdeutsche Geschichte und ihre Stichworte vom Wirtschaftswunder bis zur APO kennen sie bestenfalls aus den legendenbildenden Erzählungen der Eltern.

Was also sagt Heinrich Böll noch denjenigen, die den Krieg, die unmittelbare Nachkriegszeit gar nicht erlebt haben?

Nun, zunächst einmal sollten wir festhalten: Die immer neue Beschreibung des Krieges bleibt nötig, damit er lehrreich bleibt und nicht wiederholbar oder gar übertreffbar von einem nachfolgenden Krieg. Heinrich Böll hat in seinen „Briefen aus dem Krieg“, die vor wenigen Jahren in 2 Bänden erschienen sind, fassbar gemacht, was Krieg bedeutet. Ich zitiere: das „Abenteuer, das unsere Gesichter alt macht, unsere Herzen müde macht, unsere Haare schwinden lässt und uns zu ewig schmutzigen Gestalten macht, die kein normales Leben mehr kennen“, „der Mörder aller Dinge“, “ein endloser Wahnsinn“, „das verkörperte Grauen“. […] „Der Krieg, jeder Krieg ist ein Verbrechen.“

Heinrich Böll war 24 Jahre alt, als er das niederschrieb. Einige Kritiker halten diese Briefe aus dem Krieg 1939 – 1945, – nahezu 900 Briefe, zumeist gerichtet an seine Frau – für das bedeutendste Werk des Schriftstellers.

Heinrich Böll entheroisiert das Kriegserlebnis und die unmittelbare Nachkriegszeit.

[…]

Eine ganze Generation hat von Heinrich Böll, dem wahrhaften Demokraten und Europäer, die Opposition und den Pazifismus gelernt. Was hätte er uns heute nicht alles zu sagen als Mahner gegen die Kriege von Tschetschenien bis zum Irak.

Ein zweites Thema scheint mir im Blick auf den Namen der Schule wichtig zu sein:

In seinen Romanen, Erzählungen und kritischen Beiträgen entwirft Heinrich Böll das Bild einer Gesellschaft, die auf Gewalt verzichtet und in der alle Gruppen gleichberechtigt und friedlich zusammenleben.

[…]

Ich zitiere seine Worte: „Der Satz aus dem Grundgesetz, sozusagen der Grundsatz unserer Republik, lautet nicht: Die Würde des deutschen Menschen oder die Würde des untadeligen Menschen ist unantastbar, sondern „Die Würde des Menschen ist un-antastbar. Sollte ich, von der Würde des Menschen sprechend, noch hinzufügen müssen, dass natürlich auch Frauen Menschen sind? Und noch etwas: auch Kinder sind Menschen, deutsche Kinder, Türkenkinder, Asylantenkinder – auch sie alle haben ihre Würde, die unantastbar ist.“

Und ebenso sagt Heinrich Böll zu Artikel 3: „Dort steht nicht: Alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich“, sondern „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“.

[…]

Wie gegenwärtig, wie aktuell sind diese Worte, wenn wir an Meldungen in den letzten Wochen und Tagen denken, als von Bedrohung, Verletzung und Tötung aus Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass aus rechtsextremistischer Gesinnung berichtet wurde, von rassistischen Übergriffen, Verfolgung von Andersfarbigen.

[…]

Diese Vorstellung einer gewaltfreien, demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Gesellschaft hat Heinrich Böll zum Leitbild seines eigenen Handelns gemacht.

[…]

Bei vielen Gelegenheiten hat er seine Prominenz im Sinne dieser Ziele bewusst eingesetzt und dafür auch Missachtung, Verleumdung und Denunziation in Kauf genommen.

Heinrich Böll taugt zum Vorbild, er nimmt als Namengeber dieser Gesamtschule uns in die Pflicht.

[…]

Auch als Erzähler ist Heinrich Böll Moralist, Gesellschaftskritiker. […] In seinen literarischen Werken geht es ihm darum, die meist verborgene soziale Wirklichkeit bewusst und anschaulich zu machen. Sein Erzählen kreist um Menschen, die sich ausgeliefert fühlen, um die Wehrlosen, die Hilflosen, die Lebensuntüchtigen, die den an sie gestellten Anforderungen nicht entsprechen, die sogenannten kleinen Leute und ihr Ausgeliefertsein an Missstände und Entbehrungen. Seine Sympathie gehört nicht den Rebellen, sondern den Außenseitern, den Unterlegenen, die nur durch ihr Anderssein und ihr Nicht-Mitmachen, durch ihre individuelle Verweigerung protestieren.

[…]

Ich will schließen mit einem kleinen, ganz leisen Text. […] Heinrich Böll hat das kleine, zarte, stille Gedicht für seine Enkelin aufgeschrieben am 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag des Kriegsendes, 10 Wochen vor seinem Tod (am 16. Juli 1985)

Für Samay

wir kommen weit her

liebes Kind

und müssen weit gehen

keine Angst

Alle sind bei Dir

die vor Dir waren

Deine Mutter. Dein Vater

und alle, die vor ihnen waren

Weit weit zurück

alle sind bei dir

keine Angst

wir kommen weit her

und müssen weit gehen

liebes Kind