Seitdem der Bundeswettbewerb lyrix, der nun auch offizieller Kooperationspartner der HBG ist, im September 2025 eine Lyrik-Schreibwerkstatt für 20 Schüler:innen im FZ durchgeführt hat, hat sich bei uns im Buchclub eine sehr engagierte Lyrik-Gruppe etabliert. Die Schülerinnen und Schüler, vorwiegend aus dem 10. Jahrgang, verfassen regelmäßig beeindruckende Gedichte und tauschen sich wöchentlich darüber aus.
Nach den Osterferien haben die leidenschaftlich schreibenden Lyriker:innen dann eine Ausstellung ihrer Gedichte zusammengestellt, die im unteren Flur gegenüber dem Sekretariat präsentiert und regelmäßig ergänzt wird.
Hier eine Auswahl ihrer Gedichte:
Frauen
Ihr hört, keiner schreit.
Alle leise.
Jeder ist verantwortlich für seine eigene Sicherheit.
Aber die Frauen?
Die brauchen einen Mann,
denn sonst glaubt keiner hier,
dass sie etwas kann.
Eine Chance auf Gleichberechtigung gibt es nicht.
Hausfrau zu werden ist hier die Pflicht.
Protestieren geht auch kaum noch klar,
denn Männer sind einfach immer da.
Und solange Männer die Rolle einer Frau definieren,
Müssen wir einfach nur existieren.
Wenn der Frau mal etwas passiert,
gibt es keine Strafe für den Täter.
Schuldumkehr.
Du Verräter.
Existieren hört sich vielleicht einfach an.
Aber was ist denn mit meinem Zukunftsplan?
Ich will mehr als nur gehorchen und stehen.
Will selber durch mein Leben gehen.
Doch das ist nicht die Rolle einer Frau auf dieser Welt.
Ich kann nicht tun, was mir gefällt.
24/7
Nur da, um Kinder zu kriegen.
Würde ich das tun, würde ich ihn wirklich lieben?
Also warum?
Warum muss die Frau zu Hause bleiben,
während Männer sich die Zeit mit Alkohol und Drogen vertreiben?
Wenn Frauen endlich reden.
Wenn Worte sich in Bücher verwandeln,
werden Männer sie bald verbieten und dann schweigen.
Oder vielleicht schaut niemand hin, wenn sich Frauen endlich zeigen.
Frauen wollen mehr als nur existieren,
Wollen atmen, leben, kämpfen, nicht verlieren.
Doch solange Männer entscheiden, was Frauen dürfen und was nicht,
Bleibt die Rolle einer Hausfrau unsere Pflicht.
Mahedeh Kaiwani, 10.2
Sonne und Mond
Ich habe mit dem Mond über dich gesprochen.
Er sagte mir, was deine Schönheit ist, was deine Stärke ist.
Alles Schöne hat etwas Schlechtes.
Er sagte mir, wie es dir geht.
Er sagte mir, dass du Hilfe brauchst,
dass dein Herz das Licht der Sonne nicht zu dir lässt.
Nicht aus Hass, nicht aus Reue,
sondern aus Angst, aus Selbstschutz,
Aus Angst, sich selbst zu verlieren.
Aus Angst, wieder zu vertrauen.
Ich weiß, dass dein Herz gebrochen ist.
Ich weiß, dass du nicht vertraust.
Aber deine Sätze bleiben stehen.
Deine Sätze vergehen nie.
Der Mond sagte mir, ich solle zur Sonne
und ihr Licht stärker machen als sonst.
Nicht nur ihr Licht soll dich stark machen,
auch die Sonne selbst.
Ich sah nur den Mond und ich erkannte dich in ihm.
Irrte ich mich?
Der Mond redete doch nicht.
Es war das, was mein Auge sah,
Schmerz, Trauer, Angst.
Ohne Worte zu hören, sah ich Vieles.
Ich kann nur sagen: Ich würde die Sonne sein.
Ich würde die Sonne in deinem Leben sein.
Lass mein Licht in dich herein.
Hör auf Mauern um dein Herz zu bauen.
Hör auf dein Herz zu verschließen.
Ich bin die Sonne, du der Mond.
Unser Unterschied zwischen Tag und Nacht.
Wie Sonne und Mond, die sich vereinen,
fühlt es sich richtig an, bei dir zu bleiben.
Du bist der Mond und ich die Sonne.
Ich dein Tag wie du meine Nacht.
Ich hoffe, dass der Weg sich wieder trifft,
Ich hoffe, dass der Weg sich vereinen kann,
mit dem das Licht die Nacht zerbricht.
Boran Yildirim, 10.1
Gott und nur dein Text
Ich trauere um dich, als wärst du mein Kind.
Dein Gesicht versteckt, deine Augen rot.
Als hätten unsere Augen sich getroffen, sei es hier oder im Jenseits.
Als wärst du mein Kind, sorge ich mich. Die Leichen, die du in deinen Armen hältst, in Frieden ruhen sollen sie.
Als wärst du meine Schwester, Tochter, Mutter, aber viel wichtiger ist,
eine Seele und ein Herz.
Dein Gesicht versteckt, die wollen dich nicht sehen.
Ihre Gelüste nicht unter Kontrolle.
Du musst trauern und büßen,
nur für sie.
Jede Zeile und jeder Buchstabe wird ignoriert, was für dich spricht.
Ohne Scham, ganz schlicht.
Gelehrte, die ‚studierten‘ das Buch.
Reißen jeden Kontext und Buchstaben
für jede Scham, nur für deine,
nur dein Leid,
nur deine Schuld.
Mein Kind,
so sagte deine Mutter einst.
Und doch lehrst du, Frauen nicht zu helfen,
ihre Haut nicht zu berühren und ihr Blut und Leid nicht zu bekennen.
Eine Sünde sei es,
als wäre ihre Haut Gift und ihre Stimme deine Krankheit.
Ohne Scham.
Ohne Reue.
So sündige ich und möge Gott mir verzeihen, wünsche ich dir die Hölle.
Fatima Al-Triry, 10.5
Sophie
She had an indescribable air of sadness around her.
She had made it easier to exist without a meaning
and without the wish to see her body crushed on the pavement
or hang down from a tree.
The taint of your blood and the light
when your cigarette lightens a place in my heart
no other could reach,
a bond that time can’t pull away.
The sadness in your eyes stronger than any cries.
Your touch, a comfort I can’t afford.
The root of my soul is infested with you,
with your heart in mine
I could die.
Fatima Kazizada, 10.1
Ich bin nicht anders, ich werde nur anders behandelt
Ich spreche die Sprache.
Ich habe keinen Akzent.
Ich kenne die Straßen,
die Regeln, die Menschen.
Und doch passe ich nie ganz rein.
Nicht weil ich es nicht will.
Nicht weil ich es nicht kann.
Sondern weil man mir jeden Tag zeigt,
dass ich zu viel oder zu wenig bin.
Ich muss doppelt lächeln,
doppelt leisten,
doppelt schweigen,
damit niemand denkt,
ich sei wütend oder falsch.
Aber wie soll man leise sein,
wenn man jeden Tag laut gemacht wird.
Durch Blicke.
Durch Fragen.
Und durch das ständige
„Woher kommst du?“
Nach dem Motto:
„Nicole passt gar nicht zu deinem Aussehen.“
Ich will keine Extrabehandlung.
Nur Normalität.
Nur Respekt.
Nur Ruhe im Kopf.
Denn…
ich bin müde!!
Müde, mich immer beweisen zu müssen,
obwohl ich längst genug bin.
Bleib so wie du bist,
denn am Ende des Tages
werden sie sowieso
weiterhin Fragen stellen.
Nicole A. 10.2
Weitere Gedichte findet ihr, wenn ihr das Logo des Bundeswettbewerbs lyrix auf unserer Homepage anklickt.
So sieht es aus:
Susanne Viegener
für den Buchclub
